Offener Brief an alle GenossInnen


Nun ist es auch offiziell abgesegnet, dass Christian Kern neuer oberster Sozialdemokrat ist.

Nachdem er Werner Faymann – Gott sei Dank! – als Bundeskanzler ablöste und sofort für frischen Wind in der Sozialdemokratie sorgte, ist er also auch Parteichef, immerhin mit 97% der Delegiertenstimmen bestätigt.

Soweit, so gut.

spoe-parteitag-kern

Als Sozialdemokrat und immer schon Gegner der Faymann’schen Freunderl- und Sitzerhaltungspolitik, die zumeist mit äußerst faulen Kompromissen zu Stande kam und, nur um den Kanzler zu halten, mit dem Verlust aller Schlüsselministerien (Finanz-, Außen-, Innenresort) zu erkaufen war, war ich von Beginn an Freund des Wechsels an der Spitze.

Auch hat Christian Kern nicht diese unerträgliche Arroganz, die Werner Faymann auch parteiintern „auszeichnete“.

Jetzt ist ja genug am Plan, es ist jede Menge zu tun, um die wichtige Bewegung wieder in Gang zu bringen.

Zuallererst muss wieder der Geist der Authentizität in die Sozialdemokratie.

Authentisch ist (leider) nicht mehr viel, da die alten Ziele schon längst erreicht wurden.

Gewerkschaften vollbrachten wichtige Fortschritte in der Arbeitspolitik, im ArbeitnehmerInnenrecht, und schafften es auch lange Zeit, für vernünftige Kollektivverträge und Arbeitszeiten zu kämpfen.

Die SPÖ vollführte immense Verbesserungen sozialer Natur, wie die allgemeine Schulpflicht, die Emanzipation der Frauen, der sozialen Gleichstellung aller und der Friedenssicherung als eines der diplomatischten Länder der Welt.

Inzwischen zogen aber schon längst dunkle Wolken über die Bewegung für die Menschen und ArbeitnehmerInnen auf.

Gründe dafür gibt es viele: Zuallererst wurde die Sozialdemokratie durch den Sieg des sozialen Staates über das Unrecht ihrer Kernkompetenz beraubt.
Wo inzwischen im ganzen Land der Luxus verbreitet ist (der Lebensstandard ist einer der weltweit höchsten – kein Mensch muss hier mehr verhungern oder auch nur betteln, wenn er es nicht will, ÖsterreicherInnen können weltweit billig reisen, einkaufen, leben), wuchs eine Gefahr in den menschlichen Köpfen, die sozialpsychologisch wahrscheinlich unvermeidbar war.

Die BürgerInnen der Länder Europas, auch ganz speziell in Österreich, gewöhnten sich an den Luxus, nahmen ihn für selbstverständlich.

Jetzt gibt es vermutlich mehrere Stufen der Wohlstandsverwahrlosung, ich sehe mit der SPÖ und der FPÖ derer zwei:

.) Stufe 1: Gewöhnung und Dekadenz

Hier kann man getrost viele Menschen in diesem Land inkludieren.
Natürlich ist es gut so, dass wir uns alle an Wohlstand und Frieden gewöhnen durften, doch sind die kleinen Dinge des Lebens mittlerweile für viele unter uns so selbstverständlich geworden, dass wir feiern, völlern, verbrauchen und konsumieren.
Achtlos.
Oft respektlos.

Man verlor sich dadurch jahrzehntelang und schleichend in eine Mentalität, die wahrscheinlich alle Parteien in jeder parlamentarischen Demokratie der Welt automatisch befällt.
Posten und persönliche Reputation wurden plötzlich wichtiger als politische Ziele.
Plötzlich konnte man (und kann noch immer, nach wie vor) beobachten, wie die Menschen, die sich an die Politik und deren MitstreiterInnen wenden, verlassen fühlten, weil die ProtagonistInnen weitaus mehr beschäftigt waren und nach wie vor sind, sich selbst Vorteile zu verschaffen.

Das birgt eine gewisse Logik, denn werden grundlegende Ziele erreicht, erschafft man simultan damit einen Sättigungsgrad, der nicht gesund ist.

.) Stufe 2: Verrohung

Verrohung geschieht durch die Steigerung von Stufe 1, der Dekadenz.
Da der alltägliche Luxus selbstverständlich wurde, will man mit Pauken und Trompeten das halten, was geschaffen wurde.

Ohne Rücksicht auf andere, verroht und unmenschlich.

Nur mit dem Ziel der eigenen Bereicherung und einer Einstellung, die nur verbrannte Erde hinterlässt.

Meist mangels allgemeiner und Herzensbildung, Wissen und Weitblick soll einem selbst alles zufallen, während der Rest um einen verrecken kann.

Hier sind wir bei der FPÖ, wo die menschliche Verrohung schon oft krankhafte Ausmaße zeigt.

Auch bei den Anhängern dieser Partei, durchaus aus der Schicht derer, für die sich die Sozialdemokratie immer einsetzte, hat diese „Was scheren mich andere“-Maxime höchste Priorität gewonnen.

Hier gilt es anzusetzen: Wenn die Sozialdemokratie jetzt, bei der inneren und hoffentlich wirklich geschehenden Wende, wieder verpasst, rudimentäre Kehrtwenden, zurück zu den Wurzeln des sozialdemokratischen Gedankens von Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit unter den Menschen, einzuschlagen, wird sie für lange Zeit unbedeutend werden.

An alle Genossinen und Genossen, auch an mich selbst, stelle ich daher einen Anspruch und bitte um die Einhaltung: Nicht mehr reden, sondern das Gesprochene auch durchführen!

Nachbarschaftskampagnen und der Gang zu den Menschen funktioniert nur, wenn man mit ihnen den ernsthaften Dialog sucht und die Rattenfänger von rechts mit Argumenten aushebelt.

Auch hat die Sozialdemokratie wieder ihre primäre Agenda zu erfüllen: Den Menschen nicht nur zuzuhören, sondern auch mit bestem Wissen und Gewissen zu helfen.
Wenn man nicht helfen kann, hat man gefälligst ab nun keine leeren Versprechungen zwischen Tür und Angel mehr zu leisten, sondern das Beste zu versuchen.

Dazu sollte man auch aufhören, um Posten zu streiten und bestimmte Funktionen der persönlichen Befriedigung wegen ausüben zu wollen.

Ich halte es mit Jose „Pepe“ Mujica, Ex-Präsident von Uruguay und für mich der beste Sozialist der Welt: Bescheidenheit sollte wieder Zier werden!

Jeder Sozialdemokrat, jede Sozialdemokratin sollte in sich gehen und sich gewisse Dinge fragen: Auch, wenn ich das Beste für die Menschen will…mache ich auch alles dafür?
Reduziere ich die Gier in mir wieder soweit, um die Augen wieder für die Mitmenschen öffnen zu können?

Hören wir auf, teure Kleider, Anzüge, Autos zu kaufen und zu konsumieren, wenn es nicht unbedingt nötig ist.
Auch das billige kann gut sein.

Stoppen wir das ständige Selbstbeweihräuchern und Feiern und besinnen wir uns wieder auf das, was wir eigentlich sein wollen: Bescheidene Streiter für Gerechtigkeit!
(Das können wir nicht sein, wenn wir uns nur um die eigene Karriere scheren)

Die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts differieren gewaltig zu denen des vorigen.
Wir alle müssen uns dementsprechend anpassen und reagieren.

Freundschaft an alle! Ziehen wir gemeinsam den Karren wieder aus dem Dreck!

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