Ist die Politik in der Krise?


Zuallererst gleich die Antwort: Nein, garantiert nicht.

Die Frage ist allerdings – sonst wäre es ja sinnlos, extra einen Blogartikel zu schreiben – weitaus komplexer, als es die Antwort vermuten lässt.

Wieso aber lässt sich (fast) überall ein Rechtsruck und massive Politikverdrossenheit feststellen?
Obwohl es momentan sehr viele Themen gibt, die hochpolitisch und -brisant sind, lässt sich Verdrossenheit ob der Politik und deren ProtagonistInnen feststellen, oft irrational hoch und mit tumben Schlagworten versehen.

Der Grund für diesen Trend ist vielschichtig, eine Basis des Malheurs lässt sich jedoch feststellen: Das Überangebot an Medien und die ständige Teilnahme daran.

Blättern wir zurück in den Nationalrats-Wahlkampf 1970.

Am 28. Jänner 1970 kam es zu einem Wandel der heimischen Politik, das Fernsehgespräch Kreisky-Klaus.

Zum ersten Mal nutzte ein Politiker mit Bruno Kreisky das neue Massenmedium „Fernsehen“ aus, um massiv Stimmen zu gewinnen und die Wähler zu begeistern.
In einem einseitigen Duell setzte sich die sozialistische Ikone geradezu souverän gegen seinen Kontrahenten aus dem schwarzen Lager, Josef Klaus, durch.

Es war eine Premiere, dass die Spitzenkandidaten der zwei großen Parteien dieses Landes vor einem Millionenpublikum Werbung in eigener Sache machten und die Zuseher live an einem Wahlkampfgespräch teilnehmen ließen.

Seitdem ist wahrlich viel Zeit vergangen, doch für die Politik wurde es täglich schwieriger, dem wachsenden Angebot an Medien, endgültig entfesselt durch die unendlichen Möglichkeiten des Internet, etwas entgegenzusetzen.

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Auch deshalb, oder vielleicht gerade deswegen, hat die rechte Fraktion zur Zeit massiven Zulauf: Durch ein Überangebot an Berieselung, ob hunderte TV- und Radiosender, Facebook, Twitter, Zeitungen etc., vermag es meist die lauteste Seite, viele Wähler zu solidarisieren.

Behauptungen werden heutzutage in den Raum gestellt, Widerrüfe gibt es selten wie nie.
Dem einfachen Fan ist es egal, denn nach dem „Stille Post“-Prinzip wird eine Behauptung, so sie der eigenen Meinung nicht widerspricht, vorbehaltlos angenommen oder gar gleich weiter verteilt.

Nicht nur die Propaganda geht nun neue und unentwirrbare Wege.
Die Personen selbst, sie auch nutzen die neuen Medien mehr oder weniger kreativ, und setzen sich einem Dauerbeschuss an Kritik oder Bewunderung aus.

Mancher nutzt diesen Umstand in geradezu souveräner Weise (Strache), indem der Fangemeinde ständig neues Futter über die Medien gegeben wird, der gesamte Mitbewerb desavouiert wird, man selbst stets Opfer von Verschwörungen ist, oder einfach als „volksnah“ dazustehen.

Andere wiederum können mit diesen neuen Parametern unserer Gesellschaft, der Teilnahme aller am medialen Verkehr, nicht so gut umgehen.
Werner Faymann ist so ein Beispiel.
Mangelnde Kommunikation mit den WählerInnen, schablonenhafte Facebook-Seiten, seltenes (und hier auch nicht wirklich optimales) Auftreten im Fernsehen oder Radio resultieren bei diesen Menschen spürbar in Nachteilen.

Eher – ich nenne sie jetzt mal „medien ungeile“ Personen – werden als Politiker überhaupt nicht wahrgenommen, weil die lauten Exemplare dieser Berufsgruppe alles übertönen und die leisen ArbeiterInnen unter ihnen gar nicht erst zu Wort kommen lassen.

Noch ein Faktor ist in dieser Zeit nicht von der Hand zu weisen: der menschliche Faktor.

Wo bis in die 1990er-Jahre noch gewisse Ehrfurcht vor den Damen und Herren der hohen Politik herrschte, diese beinahe als „Übermenschen“ wahrgenommen wurden, ist dieser Mythos durch die ständige Beschäftigung mit der Politik in Nachrichten, Mitteilungen, aktiver Teilnahme und ständiger Diskussion in den Medien völlig zerstört.

PolitikerInnen sind Menschen geworden, mit Stärken und Schwächen, wobei der Knackpunkt folgender ist: Schwächen und Fehler sind es stets, auch im Leben jedes einzelnen von uns, die verstärkt wahrgenommen und im Gedächtnis gespeichert werden.
Hand aufs Herz: Werden nicht von uns auch die Fehler wesentlich häufiger besprochen als die guten Leistungen, die wir alle immer wieder, oft zahlreicher, vollbringen?

Das negative fällt immer mehr auf als das positive.

Heute muss ein/e PolitikerIn eines sein, was die überwiegende Mehrzahl derer nicht ist: Medienwirksam, fotogen, narzistisch.
Hat ein Mitglied der Spitzenpolitik kein dickes Fell, wird der- oder diejenige gnadenlos vom Mitbewerb am Nasenring herumgeschleift.

Auch die Befeuerung von Insultierungen andersdenkender hat durch die ständige Konfrontation mit der Öffentlichkeit zugenommen.
Einer Droge gleich müssen immer wieder neue Grenzen übertroffen, neue „Kicks“ gesucht werden.

Wo vor 30 Jahren noch das seriöse Gespräch, auch im Fernsehen, überwog, wird heute die simple Botschaft gesucht und unter die Menschen gebracht.

Wie einst in der dunklen Zeit des NS-Regimes, wird Lautstärke und brachiale Sprache heutzutage wesentlich stärker von den Menschen gesucht und auch wiedergegeben.

So dreht sich eine Spirale des Hasses, und ein Ende ist nicht abzusehen: PolitikerInnen werden zum Spielball der Öffentlichkeit, oft mehr mit Öffentlichkeitsarbeit beschäftigt als mit politischer Aktivität.
Bei jedem kleinsten „Vergehen“, nein auch bei jeder noch so trivialen Position bei Kleinthemen: Jederzeit muss ein/e PolitikerIn mit einem „Shitstorm“ rechnen.

Da braucht man schon ein sehr dickes Fell, will man nicht gekränkt und verstört die Lust an der Materie verlieren.

Hinzu kommt der Placebo-Effekt, dass die Majorität der Menschen nunmehr meint, durch Facebook-Postings oder Twitter-Einträgen wäre politische Arbeit getan.

Die Parteien klagen allesamt über den Mangel an Mitgliedern und Teilnehmern an der täglichen Arbeit, die ein demokratisches Parteien-System als Essenz braucht.
Doch bequem vom Sofa aus wilde Diskussionen beginnen ist für viele ein Ersatz früherer sozialer Knochenarbeit, die Politik nunmal war.

Warum? Weil man mit simpel gestrickten Sätzen heutzutage wesentlich mehr Menschen via Internet erreicht als mit konstruktiver Arbeit.

Politik im 21. Jahrhundert hat ein Richtungsproblem, keine Frage.
Problemstellungen wie die sogenannte „Flüchtlingskrise“ sind aber kein Zeitgeist-Phänomen, sondern politischer Alltag, immer wiederkehrend.
Heute werden diese Themen jedoch ausgeschlachtet, bis die Menschen einen Sättigungsgrad (mit paralleler Verdrossenheit, weil ja „alle schlecht sind“) erreicht haben.

Übermäßige Berieselung endet immer in Abstumpfung.
Wie man heute sieht, stumpft auch die Menschlichkeit und Solidarität ab, denn wen kratzt es im warmen Europa heute noch, wenn tagtäglich Meldungen von grausamen Attentaten und Morden in fernen Winkeln der Welt geschehen?

Das tägliche Grauen auf der Welt ist längst Gewohnheit geworden.

Um die Politik wieder zu dem zu machen, was sie sein soll, nämlich beruhigende und Sicherheit-stiftende Alltags-Realität, müssten alle Richtungen in allen Ländern wieder auf die Bremse treten und vermehrt im Hintergrund statt bei jeder Kleinigkeit in den Medien zu arbeiten.

Leider aber ist zu befürchten, dass dies ein frommer Wunsch bleiben wird, denn in diesem Netz an Information und Austausch (oft bar jeder Fakten) sind wir inzwischen alle gefangen und nicht wenige süchtig danach.

Man darf aber gespannt sein, wie sich die politische Landschaft entwickeln wird, wenn der übermäßige Lebensstandard in Europa – wovon auszugehen ist – wieder der Vergangenheit angehört.

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