Der letzte Gang


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Der Zug bleibt stehen.

Endlos lange war die Fahrt, die uns zu einem Ziel brachte, das wir alle nicht sehen konnten.
Tagelang atmeten wir abgestandene, heiße und stickige Luft, aneinandergepfercht wie die Tiere.

Wir alle, Männer, Frauen, kleine Kinder, sind uns fremd und erlebten apathische letzte Tage miteinander.

Zu Beginn der Fahrt war noch Plaudern und Austausch zu hören, jetzt stinken wir alle nach Erbrochenem und dem in unseren Kleidern eingebrannten Geruch von Fäkalien, die einfach, ohne dass wir die Möglichkeit hatten, uns zu bewegen, auf den Boden fallen ließen.

Viele von uns sind nicht mehr.
Sie sind in der Hitze des Waggons einfach verdurstet oder qualvoll erstickt.

Inmitten von uns stehen noch einige dieser leblosen Körper, weil kein Platz dafür ist, einfach tot umzufallen.

Ich fühle nichts mehr.
Auch meine kleine Tochter, die seit der Abfahrt fast unaufhörlich meine Hand hielt, hat aufgehört zu weinen.
Wahrscheinlich hat sie keine Tränen mehr, die es zu vergießen gibt.

Als die Waggontür geöffnet wird, ist es, als würde neues Leben in uns eintauchen, so frisch fühlt sich die Luft von draußen an.
Jetzt muss es schnell gehen.

„Raus hier!“ werden wir angeblafft, eiskalte Augen von jungen Frauen in Uniform starren uns an und weisen uns mit Stöcken und Hunden, auf der Stelle diesen Zug, der alles in uns abgetötet hat, zu verlassen.

Wie Ungeziefer werden wir behandelt.
Als hätten wir alle schwerste Verbrechen verübt.
Unser einziges Verbrechen ist es jedoch, in dieser Zeit einem falschen Glauben anzugehören und einem unerwünschten Stammbaum zu entspringen.

Alte, gebrechliche Großmütter, kleine Babies und Kinder…wem haben sie etwas getan, dass sie sich dieser Unmenschlichkeit aussetzen müssen?

Doch darüber nachzudenken, dafür haben wir alle keine Zeit.

Wir müssen tausende sein, die zur gleichen Zeit die Waggons verlassen und überfordert in alle Richtungen sehen.

Eine Kaskade von verschiedensten Eindrücken überflutet mich: Beißender Gestank von Fäkalien und Körpern am Beginn der Verwesung.
Dazu ein seltsamer Geruch in der Luft, die Asche enthält.
Hundegebell, Schüsse, Schreien und Weinen überall.
Angst und Entsetzen in allen Gesichtern.

Ich weiß es nicht, wo ich bin, weiß nicht, was passiert, will nur haben, dass das aufhört.

Meine Tochter ergreift meine Hand so fest, dass es sich anfühlt, als blute sie.
Kein Geräusch verlässt ihre Lippen.
Ihre Augen sind groß, und es ist keine Regung zu erkennen.
Armes kleines Ding, das ich nicht beschützen konnte vor diesen Geschehnissen.

Von hinten verspüre ich Druck von anderen, die nach vorne drängen.
Vor mir gehen Menschen nach links und rechts, dazwischen stehen Menschen in Uniform, mit Stöcken und Peitschen, auch mit Pistolen in der Hand.
Manche richten eine Pistole nach den Menschen, andere halten bellende und wie von Sinnen wirkende Schäferhunde streng an der Leine.

Schüsse im Hintergrund.
Und überall dieses angstvolle Schreien!

Ich kann nicht sagen, ob ich Angst habe.
Ja, um meine Kleine fürchte ich, doch werden die Männer und Frauen hier doch Kindern nichts antun.

Wahrscheinlich müssen wir alle hier arbeiten, denn wozu wären wir sonst hierher geschickt worden?

Meine Kleine und ich stehen jetzt einer großgewachsenen, blonden Frau, mit eiskalten blauen Augen gegenüber.
Sie sieht uns musternd an und meint in herrischem Ton: „Links!“

Also gehen wir nach links, folgen einer langen Schlange an Frauen, alten Menschen und Kindern.

„Wahrscheinlich haben wir Hausarbeit zu verrichten“, denke ich, als wir Schritt für Schritt mit der Menge an Menschen gehen.
Es ist so eng, dass wir gar nicht anders können als in die selbe Richtung gehen.

Vor uns ein langes Gebäude, draußen steht in großen Lettern „Duschen“.

Noch müssen wir nicht duschen, weil so viele Menschen vor uns die schmalen Stufen hinunter stiegen.
Jetzt ist ein wenig Platz.

Ich sehe zu meiner Tochter runter, die einen seltsam leeren Blick angenommen hat und in die Weite starrt, drücke sie kurz, gebe ihr einen flüchtigen Kuss.

„Jetzt haben wir das Schlimmste überstanden“, sage ich zu ihr.
Sie sieht mich nur emotionslos an, als wäre ihre Seele weit weg von diesem schrecklichen Ort.

Überall stehen Männer in gestreifter Häftlingskleidung, die uns flankieren.
Immer begleitet von mindestens einem Mann oder einer Frau in schwarzer Uniform.

Jetzt geht es weiter, wir sind dran.
Einer dieser schwarz-uniformierten Männer herrscht uns an: „Ab in die Dusche und zum Entlausen, Ihr dreckigen Juden!“
Was haben wir ihm getan? Wer von diesen vielen Menschen hier hat ihm jemals böses angediehen?

Eine Schlange bildet sich wieder, wir steigen die Stufen hinunter, in dieses längliche, aus roten Ziegeln gebaute Gemäuer.

Der Blick der gestreift gekleideten Häftlinge gefällt mir nicht.
Er wirkt mitleidig und traurig, aber nicht leer gestarrt, sondern direkt an uns alle gerichtet.

„Ausziehen! Alles ausziehen!
Die Kleidung geordnet hinlegen, damit Ihr sie nachher wieder finden könnt!“ wird uns laut und in harschem Befehlston mitgeteilt.

Zögernd kleiden wir uns aus, ich blicke währenddessen in die Runde und merke, wie es sehr viele gleichmachen.
Wir gehen alle, sicher hundert zugleich, in einen kalten Raum.

Es ist klirrend kalt hier drin, ein Geruch von Schweiß und…ich weiß nicht, wonach, umgibt uns.

Viele von uns schreien vor Angst, es herrscht Panik, als die Tür hinter uns geschlossen wird.

Aber gleich kommen wir ja wieder raus, gleich haben wir auch das überstanden.

In den Wänden hört man ein Rumpeln, die Schreie verstärken sich.

Was ist das? Gas? Wieso kommt da kein Wasser raus?
Oh mein Gott!

Wir werden hier umgebracht!
In größter Angst trommeln viele an die Tür, doch öffnet sie sich nicht.

Meine Tochter, sie starrt weiterhin vor sich hin.
Doch bricht jetzt ihr Blick, sie fällt in Ohnmacht.
Neben ihr fällt noch eine Person um.

Mir wird schwindlig…

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Diese Worte schrieb ich nieder, nachdem ich mir wieder ein paar Dokumentationen über Auschwitz ansah.
Auch 70 Jahre nach dem Horror begreife ich nicht, was damals geschah.
Es überfordert meinen Geist, dass Menschen wie Du und ich zu Dingen fähig sind, die jede Vorstellung von Unmenschlichkeit übersteigen.

Auch, wenn diese dunkle Zeit schon sieben Jahrzehnte her ist: Millionen Unschuldige starben, weil sie nicht ins Weltbild passten.
Millionen Geschichten verstummten und verloren die Münder, um weitererzählt zu werden.
Unzählige Familien wurden kollektiv aus dem Leben gerissen und konnten ihre kleine Welt nicht weiterleben.

Der Gedanke daran lässt mich im Alltag immer wieder erstarren, ob nicht der Nachbar, der Freund, der Kollege, ich selbst in damaligen Zeiten vielleicht auch Teil dieser Mordmaschinerie geworden wären.

Niemals wieder!

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