Wer denn jetzt wogegen?


Seit meiner Kindheit bekomme ich immer die selbe Leier zu hören: „Zu viele Ausländer“, „Überfremdung“, „Untergang des Abendlandes“, „Man ist nicht mehr Herr im eigenen Haus“ usw. usf.

Bin aber ein Kind der 70er-Jahre, diese Leier ist also inzwischen ausgeleiert…würde man meinen.

Nein, denn das Kurzzeitgedächtnis der Menschen funktioniert nach wie vor prächtig, während das Langzeitgedächtnis zu wünschen übrig lässt.

Genau so, wie Wähler in Demokratien gerne vergessen, wenn Parteien Mist gebaut haben, genauso vergessen sie, wie alt dieses Herumklimpern auf der Klaviatur der menschlichen Urängste schon dauert.

Fakt ist, dass ich selbst immer wieder miterlebe, wie Menschen, die ja „nichts gegen Ausländer haben, aber…“ heute auf einen Zug aufspringen, der exakt die gleiche Scheinheiligkeit besitzt wie all die Parolen zuvor.
Heutzutage bemüssigt sich die Rechte gerne, hinzuweisen, dass sie ja „gegen Migranten nichts hat, wenn sie sich benehmen und nicht straffällig werden“.

Der Alltag sieht anders aus.

Nicht selten höre ich diese Sätze aus den Mündern anderer, welche aber, verwickelt man sie in sachliche Diskussion, richtige Sprachperlen loslassen und ihre Verbohrtheit uneingeschränkt präsentieren.
„Wenn mein Sohn/meine Tochter mit einem Türken/Tschuschen/Ausländer heimkommt, dann aber…“

Ich denke, Ihr habt nichts gegen Ausländer?

Auf der anderen Seite des Spektrums ist es nicht besser um die Menschheit bestellt.

Hier wird generell jeder Versuch des Dialogs mit Rechten oder eben Nachplapperern, die es nicht besser wissen, brüst abgewunken, weil es ja eh keinen Sinn hat.
„Mit Nazis diskutiert man nicht“.

Aha. Soso.

Hier werden genauso Vorurteile mit geradezu liebevoller Hingabe gepflegt, weil man mit dem „Feind“ gar keinen Dialog will.

Liebe Leute: Wie stellt Ihr Euch vor, soll die Gesellschaft funktionieren, wenn Vorurteile schon derart Euer Gehirn zerfressen haben, dass das allerwichtigste Mittel unseres Gemeinschaftslebens, der Dialog, keine Option mehr ist?
Wie soll ein Miteinander funktionieren?

Während Vorurteile höchstmotiviert gepflegt werden, grüßt man den vielleicht rechtsextremen Nachbarn freundlich, führt Smalltalk, kauft ein beim Nahversorger ums Eck, wo oft genug Menschen mit Vorurteilen gegenüber allem Fremden arbeiten, plauscht und blödelt mit ihnen.
Kaum trifft man Gleichgesinnte, wird wieder hemmungslos über die andere Seite hergezogen.

Genauso bei den Ausländerfeinden: Ich erlebe selten, dass diese wirklich unterscheiden zwischen kriminellen Menschen und ganz normalen Bürgern, die ihren Pflichten genauso nachgehen wie jeder andere, und die ihre Rechte haben.
Sieht jemand fremd aus, ist er ein Ausländer, unabhängig davon, ob dieser vielleicht nicht schon die x-te Generation der Familie in diesem Land ist.

Ob jemand hier aufgewachsen ist, zählt nicht, wenn er einen ausländischen Teint besitzt.

So funktioniert die Welt nicht, Leute!
Schon im Kleinkindalter lernen wir, dass Taten zählen und nicht die Herkunft.
Schon immer sollten wir wissen: Teamwork ist effektiver als Abschottung!

Auch bei den Religionen sieht es um keinen Deut besser aus: Der radikale Christ fühlt sich als natürlicher Feind des Juden, der ultra-orthodoxe Jude als Feind des Moslems, der fundamentale Moslem nimmt sowieso den Koran wörtlich, in dem mehrmals steht, dass alle Ungläubigen lebensunwert sind.

Religions-Fundis scheren sich einen Dreck darum, dass ihre „heiligen Schriften“ aus barbarischen und archaischen Zeiten stammen und von Menschen geschrieben wurden.
Sie glauben einfach alles, was in deren Machwerken „Bibel“, „Koran“, „Talmud“ (die Liste wäre weiterzuführen, denn auch die kleineren Religionen der Welt inkludieren radikale und gefährliche Kräfte) etc. steht.

Wir alle haben ein Problem!

Obwohl die Welt sehr klein wurde, Europa eine verdammt hohe Einwohnerdichte besitzt, treiben wir alle weiter im Fluss des „Mia san mir“, unerheblich von welcher Seite.

Doch gibt es von keiner Seite einen Lösungsansatz…

Wie, liebe Linke, soll ein Rechter dazulernen, wenn man mit ihm nicht mal sprechen will?
Wie soll Zusammenleben funktionieren, wenn dieser in Eurer Gemeinschaft nichts verloren hat?
Wollt Ihr ihn/sie weghaben, damit er/sie keine „verblödeten Ansichten“ mehr verbreiten kann?

Oder gefällt Euch der Graben, der sich quer durch unsere Gesellschaft zieht, schon so, dass Ihr gar keine Ambition für Veränderung und Verbesserung seht?

Wie, liebe Rechte, stellt Ihr Euch Eure Anliegen vor?

Wenn PEGIDA „Raus mit kriminellen Ausländern!“ plärrt, watscheln tausende mit, ohne eigentlich zu wissen, wogegen.
Bürger mit Migrationshintergrund, die „ausländisch“ aussehen, aber hier geboren wurden, abschieben? Wohin?
Eine Markierung straffällig gewordener Menschen?
Weitere Ghettobildung, damit man ja nichts mit Fremden zu tun hat?

Auch an die ethnischen Gruppen in diesem Lande gerichtet: Wundert Euch auch nicht, dass simple Geister gegen Euch etwas haben, wenn Ihr nur unter Euch bleibt.
Abschottung im Geiste gegen Menschen anderer Herkunft ist genauso in den Communities der Migranten feststellbar.

Da wie dort wollen die Gruppierungen ja nicht an den anderen anstreifen, verurteilen jedoch alles Schlechte, ohne das Gute zu sehen.
Ob rechts, ob links, ob vom Balkan, Bosporus, Amerikaner, Katholiken, Moslems, Juden, Rapidler, Austrianer…die Liste wäre endlos.

Wenn wir alle so weitermachen und mit denen, die wir kritisieren, gar nichts zu tun haben wollen, ist es müssig, sich zu wundern, wenn auch die Kritisierten keine Lust auf ein Miteinander haben.

Wie schon gestern geschrieben: Jetzt sind wir ALLE gefragt, etwas zu tun.

Und zwar nicht wie PEGIDA oder ihre ideologischen Gegner auf den Strassen gegeneinander marschieren, bis uns das Pulverfass einst um die Ohren fliegen wird, sondern aufeinander!

Ein Wiener Sprichwort besagt: „Durch Reden kommen d’Leit z’samm“.

Dazu müssen wir alle aber erst einmal den Willen zum Reden haben. Nicht nur mit den eigenen Kumpanen.

In der Welt gibt es einige Baustellen, keine Frage.
Doch diese werden nicht weniger, wenn wir nicht endlich lernen, eine Gemeinschaft von Werten wie „Menschlichkeit“, „Barmherzigkeit“, „Gemeinsamkeit“ zu werden.

PEGIDA und Co. machen mir genauso viel Angst wie deren geschmähte Gegner, denn diese triefen auch schon vor Geifer aus dem Mund.

Man kann sich als Individuum nicht mit allen anfreunden, aber zumindest sollte man versuchen, dem Gegner zuzuhören.
Das ist das Mindeste, was man verlangen kann von gut erzogenen Erwachsenen, das lernten wir schon als Knirpse.

Kinder können miteinander.
Wir sollten es auch.

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Eine Antwort zu Wer denn jetzt wogegen?

  1. Vorragender schreibt:

    „der ultra-orthodoxe Jude als Feind des Moslems“

    Eher nicht. Gerade die ultra-orthodoxen Juden haben üblicherweise kein Problem mit dem Islam und den Moslems.

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