Die Welt brauchte den Fall „Conchita Wurst“!


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Zuerst möchte auch ich Tom Neuwirth aka „Conchita Wurst“ auf das herzlichste zum Sieg beim Eurovision Songcontest gratulieren!
Das war eine reife Leistung, das gesamte Paket war perfekt inszeniert.

Nichts anderes als purer Pop im Sinne von Performern wie Madonna, Lady Gaga, Michael Jackson, Freddie Mercury und Co.
Großes Kino, perfekt dargeboten!

Doch die Kunstfigur „Conchita Wurst“ ist weit mehr als ein aktueller Pop-Sturm, der um die Welt geht, es ist ein Beispiel von Optimismus, wie es in heutigen Zeiten selten passiert.

Schon alleine der Weg des Tom Neuwirth ist einer, der beispielhafter nicht sein kann:
Er hat nämlich in der Tat alles richtig gemacht, von der Pike an.

Beim ersten Mal, als er im Fernsehen bei „Starmanis“ seine persönliche Lehrzeit durchlebte, merkte er die Mängel: Alleine durch den (seinerzeitigen) Gesang kommt er nicht weiter.

Also nahm er die „Niederlage“ zur Kenntnis und erfand sich komplett neu.
Danke meiner Tochter kam ich dann in den Genuss eines Lachkrampfes, als er zum ersten Mal als „Conchita Wurst“ bei der großen Chance auftrat.

Mit der herrlich absurd-bizarren „Lebensgeschichte“ dieses künstlich erschaffenen Alter Egos bescherte mir „Conchita Wurst“ das erste Vergnügen.
Ich gebe es zu, ich hatte einen Lachkrampf, als ich von der kolumbianischen Mutter aus den highlands im südamerikanischen Staat hörte. 
„WTF?“ war zu dieser Zeit das einzige, was mir dazu einfiel. 

Doch Conchita Wurst kam wieder, diesmal (2012) zur Endausscheidung des Song Contest 2012.

Leider waren die Menschen noch nicht so weit (inkl. mir), diese perfide und perfekt ausbalancierte Kunstfigur zu akzeptieren.
Bei mir war es sicher nicht die Ablehnung dessen, was Tom Neuwirth damit darstellte, sondern die extreme Schrulligkeit, die diese Figur ausstrahlte.
War mir fast zu penetrant, jedoch wusste Conchita Wurst ganz genau, was sie tat: Sich etablieren, bekannt werden.

Ohne Verkleidung wäre Tom Neuwirth leider einer der unzähligen jungen Sänger gewesen, die sich eine Karriere erträumen, jedoch nie aus dem Träumen entkommen können.

Conchita Wurst jedoch war von Beginn an auf eines gezielt: Einzigartigkeit, Provokation, Polarisierung, Aufmerksamkeit.
SO beginnt man eine Karriere, und nicht anders.
Lady Gaga sinniert zum Beispiel immer, dass sie in der Schule das hässliche Entlein war, welches mehr gemobbt als akzeptiert wurde.
Sie zog ihr Ding durch.
Conchita Wurst ist die Weiterentwicklung dessen: Auffallen um jeden Preis, aber NIEMALS irgendwo anecken.
Nur so kann man wie ein Aal aus allen Vorwürfen rausflutschen.
Mit der permanenten Freundlichkeit und einem Sprachstil, der ständig an das berühmte „I love you all!“ von Michael Jackson erinnert, ist Conchita Wurst schlicht entwaffnend.

Das Argument mit dem Bart, dass es eben wurst sein sollte, wie man sich darstellt -> that’s the point! 
Und als Conchita Wurst nach der Song Contest-Vorausscheidung noch ehrlichst „Ich stehe hier für mich zuerst“ äusserte, war es klar: Diesem Menschen KANN man einfach nicht böse sein, der weiß definitiv, was er will.
Und er erreicht es, wie man sieht.

Nach Falco hat Österreich wieder einen Weltstar in der Musik, und das auf Erdrutsch-artige Weise.

Faszinierend jedoch die Menschheit.
Drag-Queens kennt man doch, das ist seit Jahrzehnten weit verbreitet, dass Männer gerne in Frauenkleidern eine Show abziehen.
Diese hat jedoch einen Bart und hat ihr eigenes Programm -> und dazu eine ständig verbesserte EIGENE Stimme, inkl. perfekt abgestimmter Show.

Europa jedoch spaltet sich, unzählige heulen persönlich „verletzt“ auf.
Ich versteh’s nicht, muss ich ehrlich zugeben.

Als Gegenzug zu einer unfassbar blöden Empörung über jemanden, der nicht einmal etwas neues erfindet, sondern eigentlich nur die altbekannte „Frau mit Bart“ in die Popbranche bringt, bildete sich ein „Toleranz-Sturm“, der auch seinesgleichen sucht.

Ich sag‘ Euch was: Tom Neuwirth lacht sich jetzt wochenlang scheckig, weil er genau das erreichen wollte: er wollte mit seiner Kunstfigur polarisieren, Stoff für Debatten sein.
Diese Dimension hat er sich wahrscheinlich nicht einmal im Traum erhofft, denn urplötzlich winkt ihm fast sicher die Karriere als Weltstar.

Im Grunde hat er die einfachsten Strukturen der menschlichen Angst vor dem Neuen, Ungewöhnlichen zu Nutze gemacht.

Und die „Hater“? Sie sind entsetzt über eine Frau mit Bart, die aussergewöhnlich gut singen gelernt hat und nichts anderes als ein erfundenes Weibchen ist.

Beim Fall Conchita Wurst zeigt sich eines: Die Welt benötigt diese Diskussionen! Hier offenbaren sich noch gravierende Mängel in der gesellschaftlichen Evolution.

Wäre es nicht Wurst, wäre jemand anderer gekommen, der die Menschen in ihrer Einstellung derart entzweit.

Es liegt tatsächlich noch einiges im Argen, wenn eine reine Zirkusfigur (Nichts anderes ist Popmusik und deren Markt) derartig hohe Wellen aufgrund des Äusseren und der Sexualität schlägt.
Die Gesellschaft ist in der Tat erst am Fuße eines Berges von sozialer Entwicklung.

In Zeiten einer globalen Völkerwanderung, die wirklich überall stattfindet und viele Menschen überfordert (Stichwort: Ausländerfeindlichkeit), weil sie für menschliche Verhältnisse viel zu rasant geschieht, ist es wichtig, dass unsere Zivilisation solche Debatten vom Zaun reißt.
Nur diese Themen erzeugen zumindest ein paar Sekunden Reflexion bei Menschen, denen Fremdes Unwohlsein bereitet.

Deshalb: Bravo Conchita Wurst! Das war eine der wichtigsten künstlerischen Erfindungen der letzten Dekaden.
Wir brauchen mehr dieser Botschafter der Vielfalt. 
Und es ist gut, wenn diese mutigen Menschen nie den Fokus verlieren und davon auch verdienterweise profitieren.

Toll gemacht!

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6 Antworten zu Die Welt brauchte den Fall „Conchita Wurst“!

  1. George Costanza schreibt:

    Toll gemacht, auch Du, Gerald!

    • quargelbrot schreibt:

      Nur meine Meinung, vielen lieben Dank!

      Teilt es doch, denn vielleicht beginnt dann der eine oder andere „Homophobic“ (Nein, ich denke nicht, dass jeder Kritiker ein Menschenfeind ist, sondern einfach noch nicht weiter dachte!) zu reflektieren.

      Danke schön! Und pushen wir doch bei dieser einmaligen Chance die Vorzüge der Vielfalt in uns Menschen! 🙂

  2. Dante Franzi schreibt:

    Hat dies auf neuezeitepoche rebloggt und kommentierte:
    Die Botschafterin der neuen Zeit von Liebe, Toleranz und Freiheit – Conchita Wurst

  3. Ich kann aus eigener Erfahrung bestätigen, dass Conchita Wurst genau weiß, was sie will. Ich habe sie (bzw. Tom) einmal getroffen, als sie 16 Jahre alt war (ein Jahr vor der Starmania-Teilnahme). Schon damals hat sie zu mir gesagt, ihr Traum sei es, beim Song Contest aufzutreten. Ich habe eine Energie in diesem Menschen wahrgenommen, die mich begeistert hat. Heute sagt sie, ihr Ziel sei der Grammy – und ich glaube, sie wird ihn eher haben, als wir denken. ^^ Go, go go, Conchita, du bist großartig und eine Inspiration!

  4. Massimo Montanari schreibt:

    Nach Falco hat Österreich wieder einen Weltstar in der Musik … besser gesagt, mit Conchita Wurst vielleicht bald einen weiteren.

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